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Brennerei

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frühmodern und eigenwillig: marietta terfloth, jahrgang 25, photos privat

berlin, august 2015
mensch, mädchen!
essay

Sie nennen es Emanzipation, doch in Wahrheit greift der Spätkapitalismus besonders unersättlich auf das Leben junger Frauen zu. Die letzten hundert Jahre sind, wenn es um die Umsetzung der Frauenrechte geht, zwar ein umwerfend fortschrittliches und produktives Geschichtskapitel. Mit Blick auf die Entwicklung der Menschheit, ein Wimpernschlag. Der Zugewinn an Rechten, Möglichkeiten und Freiheiten ist tatsächlich beträchtlich. Doch das ist noch kein Grund zu mehr Lässigkeit in diesen Fragen. Freiheit ist ein fragiles Gut, viele Freiheiten wurden zäh und schmerzlich erkämpft, und jetzt sind wir Frauen im Begriff einige, wichtige zu verlieren!

Es gibt Autoren, die können einem zu diesem Thema Sätze um die Ohren hauen, die man lange nicht vergisst. Die britische Autorin Zadie Smith ist so eine Autorin. In den Sommerferien las ich in ihren Essays, es ging um den Roman einer schwarzen Schriftstellerin. Plötzlich tauchte dieser Hammersatz auf „Ganz praktisch gesehen“, schreibt sie, „hatte eine schwarze Frau im Amerika der Jahrhundertwende in etwa dieselben bürgerlichen Freiheitsrechte wie ein Nutztier.“ Und dann, der Satz stammt aus dem Roman: „Die Niggerfrau ist der Muli der Welt.“ Die beiden Sätze brannten alle anderen auf der Seite weg, sie bestürzten mich, auch wenn ich im ersten Augenblick nicht wirklich verstand, warum sie mich bestürzten. Erst ein paar Tage später fiel mir auf, dass ich ihren Inhalt in ein inneres Bild übersetzt hatte. Auf diesem Bild war aber keine schwarze Frau zu sehen, sondern meine Mutter. Sie trug eine weiße Kittelschürze und lief barfuß inmitten einer Herde Kühe. Das Bild kränkte meinen Stolz, es beschämte mich. Ich konnte den Realitätssinn meiner Fantasie nicht ertragen. Ich versuchte es zu verdrängen.

Ich bin eingeladen worden, für diese Festschrift einen Beitrag zu schreiben. Nun ist ausgerechnet das Jubiläumsjahr dieser Schule für mich ein außergewöhnliches Jahr. Es ist das Jahr, in dem meine Mutter gestorben ist. Und ich kann einfach über nichts Anderes schreiben als über diesen Verlust, über den Zugewinn an Stärke, Verletzlichkeit und Freiheit, den ihr Tod für mich bedeutet. Weshalb ich auch dachte, ich müsste diese Einladung ablehnen. Was hat der Tod meiner Mutter schließlich in einer Schulfestschrift zu suchen? Aber es gibt einen Zusammenhang. Und der geht so:

In den Tagen nach der Beerdigung meiner Mutter begleitete mich ein zärtlicher, tröstlicher Gedanke. Er drehte sich nicht um das Leben nach dem Tod, sondern um ihr Leben vor dem Tod. Um die Wirkung des Satzes zu verstehen, den Zadie Smith mir in den Sommerferien um die Ohren gehauen hatte, muss man vielleicht wissen, dass meine Familie auf dem Land lebt. Meine Kindheit verbrachte ich in einer geschlossenen Welt, wie man sie aus dem 18. oder 19. Jahrhundert kennt. Abgeschieden und umgeben von allerlei archaischen Figuren. Es gab keinen Kindergarten, kein Kaufhaus, kein Kino. Wir waren uns selbst überlassen. Meine Mutter hatte, kriegsbedingt, ihre Teenagerjahre in Prag und Berlin verbracht. Sie verkörperte für meine Geschwister und mich die Außenwelt, sie verschaffte uns Zugang zur Natur und zur Welt der Ideen, zur Botanik und zu Büchern. Sie selbst hatte ihren Beruf als Dolmetscherin aufgegeben, als sie meinen Vater heiratete und in eine Familie eintrat, deren Gutsbesitz über Generationen patriachalisch organisiert und regiert wurde. Frauen hatten praktisch keine persönlichen Rechte und Freiheiten. Meine Mutter litt darunter.

Sie starb in ihrem neunzigsten Jahr. Ihre Generation stand unter dem Leitstern mehrerer ineinandergreifender Revolutionen. Als sie geboren wurde, gab es bereits das Wahlrecht für Frauen und das Recht auf Bildung. Frauen waren an Universitäten und Akademien zugelassen, Rosa Luxemburg war in der Schweiz promoviert worden. Die Schriftstellerin Virginia Woolf hatte gerade ihren Essay „A Room for One’s own - Ein Zimmer für sich allein“ veröffentlicht, einen der geistreichsten Texte zur Frauenbewegung. Grundlegendes schien erreicht. Durch den 2. Weltkrieg und die ideologische Verklärung der Frau als Mutter, Arbeitskraft und Trümmerfrau geriet vieles ins Stocken. In den Nachkriegsjahren nahm die Entwicklung einen neuen, freizügigen Schwung, den sich ihre eigene Mutter, also meine Großmutter, nicht hätte träumen lassen. Die sexuelle Befreiung durch die Antibabypille, das Recht auf Abtreibung, ein reformiertes Scheidungsrecht, die ersten Kindertagesstätten. Es ist nun nicht so, dass meine Mutter all diese Freiheiten und Rechte in Anspruch genommen hätte, im Gegenteil. Ihre Bescheidenheit, ihr tiefes Pflichtgefühl, ihre Demut und Hingabe gegenüber all den Aufgaben, mit denen sie sich konfrontiert sah, hatten sie von diesen Möglichkeiten nicht nur abgelenkt. Manche waren nicht bedeutsam, andere kamen auf merkwürdige Weise einfach nicht für sie in Betracht. Sie hatte eine andere Wahl getroffen.

Einer berufstätigen Frau mit einem eigenen Einkommen begegnete ich erstmals, als ich in die Schule kam. Die Schuldirektorin war eine Frau, meine Klassenlehrerin, die Busfahrerin, die Schulärztin - alles Frauen. Sie waren ausgebildet, gut frisiert, diskret geschminkt, ausgesucht gekleidet, sie trugen Aktentaschen, hatten eigene Büros oder Sprechzimmer, fuhren eigene Autos. Sie strahlten – ohne dass ich das hätte mit Worten benennen können – eine geschäftige, robuste Unabhängigkeit aus. Gut möglich, dass mich mein Bildergedächntis hier täuscht, aber der einzige Mann auf dem Schulgelände, den ich erinnere, war der Hausmeister, der morgens das Schultor aufschloss vor dem wir Fahrschüler schon warteten und der in der großen Pause die Schulmilch verkaufte. Doch zurück zur eigentlichen Frage. Was hat der Tod meiner Mutter mit dieser Schule zu tun?

Unsere Welt wird seit vielen tausend Jahren von Männern dominiert. Der wachsende konstitutive Einfluss von Frauen auf das politische, wirtschaftliche, intellektuelle und soziale Leben (ich spreche von modernen Industriegesellschaften!) lässt sich mit Blick auf unsere eigenen Familienbiografien, anhand der gesammelten Geschichten über unsere Großmütter, Mütter, konkret beschreiben. Die Einführung der Frauen- und Genderforschung als eigenen Fachbereich an den Universitäten, der Triumph der Frauenquote, der gesetzliche Anspruch auf einen Kindergartenplatz – all das haben Gleichstellungsbeauftragte, Journalistinnen und Familienministerinnen erst in den allerletzten Jahre erkämpft. Die letzten hundert Jahre sind, wenn es um die Umsetzung der Frauenrechte geht, ein umwerfend fortschrittliches und produktives Geschichtskapitel. Mit Blick auf die Entwicklung der Menschheit, ein Wimpernschlag. Der Zugewinn an Rechten, Möglichkeiten und Freiheiten ist beträchtlich. Ist das nicht Anlass, etwas lässiger mit all den Frauenfragen umzugehen? Tun Frauen sich wirklich einen Gefallen damit, indem sie ständig und schmallippig darauf verweisen, welcher Grad an Gleichstellung noch nicht erreicht ist? Ich stelle das in Frage. Ich glaube, es geht nämlich inzwischen längst um einen anderen, viel wichtigeren Punkt. Es geht um die persönlichen Freiheitsrechte! Freiheit ist ein fragiles Gut, viele Freiheiten wurden zäh und schmerzlich erkämpft, und wir Frauen sind im Begriff einige, wichtige zu verlieren!

Sie nennen es Emanzipation, doch der Spätkapitalismus greift besonders unersättlich auf das Leben junger Frauen zu. Es steht viel auf dem Spiel: Eure Privatsphäre! Der Übermut, Kinder auch ohne Festanstellung, Kindergartenplatz und Ausbildungsversicherung in die Welt zu setzen. Die Freude, mit Euern Kindern den Alltag zu teilen. Die Qualität des täglichen Lebens. Bildung wird zur Ware, Erfahrungsräume zu Lernorten, der Alltag junger Familien ist längst zu einer mechanischen Choreografie effizienter, normierter Abläufe geworden. Ihr glaubt, es geht um Euer Glück, Eure Familie, Eure Karriere, um Euer Leben. In Wahrheit verkauft Ihr Eure Seele an den Gott der öffentlichen Propaganda. Meine Kinderjahre waren Hippie-Jahre, unsere Jugend eine Art Woodstock des freien Denkens. Wir haben uns rumgetrieben, in den Wäldern, auf der Straße, später auf Reisen. Wir hatten Zeit, unsere Sinne zu schärfen. Ja, wir hatten ein unausgesprochenes Recht auf Zeitverschwendung, wir hatten Spielräume. Meine eigenen Kinder wurden gegen Ende meines Studiums geboren, das Geld war knapp, eine berufliche Karriere war in weite Entfernung gerückt, wir mussten uns durchchaoten, ich habe nachts Theaterkritiken geschrieben, morgens die Kinder in die Schule gebracht und mittags den fehlenden Schlaf nachgeholt. Man muss das nicht verklären, die Welt ist heute eine andere, die Wirklichkeit der Städte sieht anders aus, aber ich möchte Euch zurufen: Das Glück liegt nicht in einer Vollkaskoversicherung für die Gleichberechtigung der Frauen.
Als meine Mutter und ich, die Szene liegt nun um die 40 Jahre zurück, beim Vorstellungsgespräch im Canisianum waren, stellte sich heraus, dass die Aufnahme von Mädchen – das Canisianum war ja eine Privatschule für Jungen gewesen – an eine winzige Bedingung gekoppelt war. Wir Mädchen hatten keine Wahl. Jungens durften zwischen Latein und Englisch als 1. Fremdsprache wählen, wir Mädchen wurden in die Lateinklasse gesteckt. Doch wir stellten diese burschikose Entmündigung vom Kopf auf die Füße und begannen uns wie Auserwählte zu fühlen und zu benehmen! Auf dem Stundenplan stand Lateinunterricht, aber es war ästhetische Erziehung. Völlig zweckfrei. Diese Schule war eine wunderbare Schule, und ich hoffe, sie ist es noch. Ich habe es geliebt hierherzukommen. Meine Lehrerinnen und Lehrer, darunter sensible und strenge Seelen, waren sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie haben, um eine Formulierung des Philosophen Hans Blumenberg aufzugreifen, Bildung nicht als Arsenal, sondern als Horizont begriffen.

Wie soll man heute verantwortlich handeln, wenn alles schon geregelt ist? Wie soll man in der Welt stehen, wenn diese Welt in Organisation und Machbarkeitsversprechen zu versinken droht? Mensch, Mädchen! Verschwendet Euch! Verschwendet Eure Leidenschaften, Eure Begabungen, Eure Zeit (Ihr werdet zu der Generation der Hundertjährigen gehören!). Lasst Euch nicht zum „Muli der Welt“ machen. Denkt daran, was unsere Großmütter, unsere Mütter und wir erstritten haben. Die Emanzipation ist zur Zwickmühle geworden. Sie ist drauf und dran, uns daran zu hindern, echte, eigenwillige, gefühlvolle Menschen zu sein, die fähig sind zu spannenden Gedanken. Und darum, genau darum geht es - verdammt nochmal!

Auftraggeber: Gymnasium Canisianum
Abgedruckt in: 70 Jahre Canisianum. Eine Festschrift. Lüdinghausen, November 2015.

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